Claudia Christoffel / Sirma Kekeç  -                                                                                                           “LUST FOR LIFE“

6. Oktober bis 18. November 2018

Eröffnung: Samstag 6. Oktober 19 Uhr 

Einführung: Prof. Dr. Susanne Regener, Kulturwissenschaftlerin /Universität Siegen 

20 Uhr GO DISCO! - Live DJ Set Herwig Gillerke

Vortrag: Freitag 19. Oktober 18 Uhr / MUSIC IS THE STRATEGY / Prof. Dr. Gunter Kreutz, Institut für Musik Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Künstlergespräch: Sonntag 4. Nov. 15 Uhr / moderiert von Ingo Clauß, Kurator /Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen

Finissage : Sonntag 18. November 15 bis 18 Uhr

 

 

In Ihrer Ausstellung “LUST FOR LIFE“ präsentieren Claudia Christoffel und Sirma Kekeç Bilder zum Schockthema Brustkrebs. Es sind „unverbrauchte“ Bilder, Bilder ohne den typisch dokumentarischen Charakter, wie er häufig mit solch einem Thema einhergeht und ohne den „touch“ der Betroffenheitskunst.

 So bat Claudia Christoffel beispielsweise Kollegen und Freunde aus dem Kulturbereich

 um deren Top10-Liste von Musikstücken, die ihnen beim Hören Kraft geben und ihnen

 helfen, schwere, lebensbedrohliche Krisen zu überstehen. Daraus entstand die Arbeit

 MUSIC IS THE STRATEGY, die aus sechs Top10 Playlists von sechs Verfassern

 besteht. Einer der Teilnehmer, der Bremer Künstler Herwig Gillerke, spielt ein DJ Set

 am Eröffnungsabend – seine persönliche Longlist.

 Ab 20 Uhr heißt es dann also: GO DISCO! Für alle.

 

Sirma Kekeç schöpft aus der Technik der Druckgrafik und übersetzt ihre Bilder auf ungewöhnliche Bildträger, auf solche mit denen man es im Prozess der Heilung der Krankheit zu tun bekommt: den Knochen.

Mit einem spitzen Gegenstand ritzt sie ihre Motive in die Oberfläche des sehr festen und harten Zellgewebes. Dadurch entstehen tiefe Furchen und Grate, die anschließend, wie beim Tiefdruck schwarz eingefärbt werden. Eine visuelle Übersetzung von körperlichen Schmerzen und der Prozess des Inneren Alterns, z.B. nach einer Chemotherapie werden so sichtbar gemacht.            

 

Fotos : Lukas Klose,  Lukasklose.de


Kreiszeitung / Jan Paul Koopmann


Rede zur Eröffnung am 6.10.2018


Prof. Dr. Susanne Regener, Kulturwissenschaftlerin / (Berlin/Siegen)


Lust for Life – Für einen neuen Diskurs über die Krankheit Krebs
Sie sind heute einer Einladung gefolgt – vielleicht, weil sie die Einladungskarte, das
strahlende Gelb und den Schriftzug „Lust zu Leben“ so auffordernd und fröhlich und
inspirierend empfinden, vielleicht sind Sie auch hier hergekommen, weil Sie wissen, dass
diese Galerie für ihre überraschenden und ungewöhnlichen Positionen zeitgenössischer
Kunst bekannt ist.
Und in der Tat ist die gemeinschaftliche Ausstellung von Claudia Christoffel und Sirma Kekeç
etwas sehr Besonderes: Sie zeigt Arbeiten, die sich mit der Erfahrung der Diagnose und
Therapie von Brustkrebs auseinandersetzen. Die beiden Künstlerinnen sind befreundet und
hatten sich fast gleichzeitig vor nunmehr drei Jahren mit entscheidenden ärztlichen Urteilen
zu befassen. Schock.
Krankheit in der Kunst (im Sinne von: die Thematisierung von Krankheit und Brustkrebs in
der Kunst) ist ein Thema, das sowohl weitgehend unerforscht als auch – mit Blick auf die
Gegenwart – selten in der künstlerischen Diskussion anzutreffen ist.
Das hat sicherlich etwas mit der Tabuisierung von Kranksein überhaupt zu tun: Krank sind
die anderen, ich möchte das nicht sein und wenn man krank ist, dann sondert man sich von
den anderen ab, geht ins Bett oder wird ins Krankenhaus geschickt – soweit verbreitete
Vorstellungen. Die geläufige Metapher von Krebs ist „bösartiger Tumor“ – das ist ein
moralischer Begriff, der evoziert, dass etwas Böses in uns schlummern würde. Diese
Metapher erzeugt bei den Erkrankten und den noch Nicht-Erkrankten Angst. Die USamerikanische
Philosophin Susan Sontag hat dafür plädiert, Krankheit zu demaskieren und
jegliche Metaphorik zu vermeiden. Es gibt nur die persönliche Metapher, wie sie zum
Beispiel der schwedische Schriftsteller Henning Mankell und Christoph Schlingensief für sich
beschrieben haben.
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Wie den Schreibenden so geht es auch den beiden Bildenden Künstlerinnen Claudia
Christoffel und Sirma Kekeç darum mit dem Tabu zu brechen, über Krebs öffentlich zu
sprechen. Und sie zeigen gleichzeitig ihren Autonomiegewinn, sie geben Einblicke in ihre
persönlichen Metaphern.
„Lust for Life“ ist eine Auseinandersetzung mit Krebs, die sowohl intellektuell, abstrahierend,
ästhetisch, handwerklich präzise als auch emotional ist. Zusammen mit der Kuratorin Ele
Hermel ist ein Seh- und Denkraum entstanden, ein eher spärlich bestückter White Cube.
Dem Thema Brustkrebs und seiner Therapie wird nicht mit einem Schockprinzip begegnet,
sondern mit Kampf um Autonomie, um eigene Darstellung und vor allem Erinnerung. Die
konzeptuelle Kunst der beiden Bremer Künstlerinnen ist insofern besonders und
gesellschaftspolitisch relevant: Mit ihr offenbart sich eine Selbstbehauptung wie ein
Befreiungsschlag gegen den festen Griff der medizinischen Maßnahmen und
Tablettenverordnungen. Die medizinische Maßnahme ist notwendig, dennoch greift sie
immens ein ins Leben. Mit der Kunst wird dieser Teil von Frauengeschichte sichtbar
gemacht: gegen Tabus von Kranksein und Angsthaben, man ist dem System ausgeliefert und
will doch reagieren; die Normalität ist verletzt.
Brustkrebs ist heute die häufigste Krebserkrankung, aber immer noch kämpfen Frauen auch
in Deutschland darum, nicht zu Außenseiterinnen gemacht zu werden, wenn sie die
Diagnose bekommen und sich in Therapie begeben. Um diese Situation zu verstehen, will ich
kursorisch auf die visuelle Präsenz von Krankheit in unserer Gesellschaft und ästhetische und
mediale Bearbeitungen eingehen. Unsere heutige Sicht auf Krankheit und eben die
künstlerische Auseinandersetzung mit ihr beruhen und beziehen sich auf historische
Prozesse, die helfen, die Gegenwart zu verstehen.
In der Kulturgeschichte ist die Darstellung von Krankheit zunächst immer eine, die aus einer
Institution des Wissens und der Macht entstand/entsteht: Es sind Ärzte, die bestimmen; ein
kranker Mensch existiert nur als ein Fremdbild. Die Entscheidung, was gesund und was krank
ist und welche Diagnose einem Menschen zugeordnet wird, treffen Ärzte, die eine
besondere Ausbildung haben. Die moderne Medizin und das moderne Krankenhaus
entwickelten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. „Modern“ hieß zu dieser Zeit und teilweise
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auch noch bis in die Gegenwart: Grundlegung einer naturwissenschaftlichen Medizin. Diese
neue Auffassung brachte es mit sich, dass die Patientin/der Patient mehr und mehr in einen
Prozess der Medikalisierung einbezogen wurde.
Bereits im Zuge der Französischen Revolution und der Aufklärung wurden Krankenhäuser
von Gefängnissen und philanthropischen Einrichtungen getrennt. Damit entstand eine
klinische Medizin in eigens dafür eingerichteten Häusern, zuerst in Paris (Hôtel Dieu) und
Berlin (Charité). Zusätzlich entwickelten sich (um 1900) staatliche Maßnahmen der Hygiene
(Ursachen für Krankheiten ergründen) und der sozialen Versicherung („wer muss welche
Leistung bezahlen“). In den neuen Kliniken wurde auch geforscht und gelehrt und neue
physikalische Untersuchungsmethoden eingeführt: Einerseits ist das der medizinische
Fortschritt, den wir so schätzen, andererseits wurden Patient*innen dadurch zu messbaren
Objekten in dieser modernen Klinik. Im Dienst von Diagnostik und Therapie wurden sie
allseits traktiert und nun ständig beobachtet. Das klinische SEHEN – das auf der wissenden
Spezial-Wahrnehmung des Arztes beruht - umfasste die Klassifizierungen von Symptomen
und Krankheitsentwicklungen. Die Beobachtungen sollten als BILDER festgehalten werden –
der reformerische französische Arzt Philippe Pinel war der erste, der dafür Zeichner
beschäftigte.
Aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts mit Erfindung der Fotografie wurden in den Kliniken
alle Formen der physiologischen und seelischen Krankheiten dokumentiert. Diese Fotos aus
den Kliniken wiederum benutzte man für Illustrationen in medizinischen Lehrbüchern und
auch in den hausärztlichen oder Gesundheitsbüchern für den Privathaushalt. D.h. Bilder von
Krankheiten wurden entpersonalisiert, fragmentiert – das, was Laien wie Fachärzte sahen,
war entstanden in einer dem gesellschaftlichen Leben abgetrennten Institution, der Klinik.
Aus diesen Fremd-Bildern speisen sich unsere Vorstellungen von Krankheit und Krank-Sein
und sie sind Teil eines kollektiven Bildgedächtnisses, die ein Tabu begründen können.
Ich erwähne diese Geschichte, weil vor diesem Hintergrund erst deutlich wird, aus welchen
tiefsitzenden Beschränkungen wir uns herausarbeiten müssen, um uns selbst als Subjekte in
diesem Zusammenhang wahrzunehmen. Um selbstbestimmt zu bleiben. Und wie schwierig
es ist, aus einer traditionell geschlossenen Situation (Krankenhaus), das Nachdenken über
Krankheit, Therapie und die Folgen ins Leben hineinzubringen.
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In der noch weitgehend analogen Zeit der frühen 1990er Jahre haben Künstler*innen, wie
die Amerikanerin Lucinda Devlin und der deutsche Dokumentarfotograf Timm Rautert die
Räume und die Arbeit im Krankenhaus erstmals unter einem kritischen Blickwinkel gezeigt.
Dann mit den medientechnischen Möglichkeiten des Web 2.0 nehmen durch Krankheit
betroffene User*innen das Bildermachen selbst in die Hand; sie machen ihre
Geschichte öffentlich. Sie outen sich als Versehrte, fotografieren sich mit kahlem Kopf und
entblößtem Oberkörper und wollen dem Stigma zu Recht trotzen – auch eine Form von
Tabubruch. In diesem populärkulturellen Kontext sind in der jüngeren Vergangenheit
weitere Selbstbilder von Frauen mit Brustkrebs entstanden: Es sind Tagebücher in Instagram
Stories und vor allem Video-Blogs, die von jüngeren Frauen gemacht wurden, die als digital
natives bezeichnet werden können. Oftmals geht dem Krankheitstagebuch eine Karriere als
Influencerin voraus. Ich will das nicht bewerten, sondern andeuten, dass auch Amateurinnen
die Notwendigkeit eines Empowerments erkennen.
Die Künstlerinnen Claudia Christoffel und Sirma Kekeç wollen etwas anderes: Sie wollen mit
ihrer Kunst einen anderen und neuen Diskurs über diese Krankheit führen. In
unterschiedlichen Techniken und mit diversen Metaphern haben sie – jede für sich, aber
auch in Interaktion und Kommunikation miteinander – ein Werk geschaffen, in dem Heilung
die entscheidende Rolle spielt: Es sollte eine Reise zu sich selbst sein, wie eine der
Künstlerinnen es ausdrückte.
Claudia Christoffel beschäftigt sich mit den Artefakten, die den Therapie-Prozess begleiten.
Und hier sollten wir uns kurz vergegenwärtigen, was eigentlich passiert:
Es wird von Fachärzt*innen eine Diagnose gegeben, die die Frau schlagartig, von einem Tag
auf den anderen zu einer kranken Person macht. Und dann geht alles sehr sehr schnell:
Krebsbestimmung, Therapieplan – und die Maschinerie wird angeworfen.
Chemotherapeutische Zyklen, tägliche Bestrahlungen, Operationen, Regeneration...
Minutiös sind alle Therapiepakete getaktet. Wir sind sehr froh, dass in Deutschland Medizin
und Behandlung engmaschig sind, dass dadurch Brustkrebs heilbar geworden ist. Dennoch
begibt man sich als Betroffene in eine Maschine, der man ausgeliefert ist, der man nicht
entkommt, in der man fremdbestimmt ist.
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Von dem Kampf gegen die Selbstaufgabe handelt diese Ausstellung, von einem Trip, einer
schaurigen, schnellen, sinneserweiternden aber auch schmerzvollen Reise, wie man den
Song von Iggy Pop Lust for Life interpretieren kann, der zum Titel der Ausstellung wurde.
Claudia Christoffel führt mit den Fotografien im Diasec-Verfahren und mit Zeichnungen und
Offset-Drucken einerseits die Artefakte der Krankenhaus-Maschinerie vor und verfremdet
sie andererseits: Das Tableau Tamoxifen, diese tägliche Droge bis zu 5 Jahren lang
einzunehmen, das bedeutet 1825 Tabletten. Die Arbeit ist direkt neben dem Notausgang
platziert, doch es gibt keinen Ausweg. Die Spritzen, die zusätzlich über Jahre bei
östrogenabhängigem Krebs verabreicht werden, sind zu einem Emblem zusammengestellt –
auch hier eine ästhetische Oberfläche, die auf den zweiten Blick Verletzlichkeit, Eingriff,
Abhängigkeit evoziert. Verdichtet und neu gestaltet zum Emoji „Dizzy Face“ wird mit der
Abbildung von Tablette und Spritze auf die Nebenwirkungen der Behandlung mit einem
Ideogramm aus dem Alltagschat rekurriert: Ich bin durcheinander, konfus, beduselt,
benommen, schwummerig, schwindelig. Beide Objekte sind wie versiegelt mit einer glatten
Oberfläche.
Wie abstrakte Kunst erscheint die Abbildung der Marker, die der Erkrankten vor der
Bestrahlung auf die Haut gemalt werden. Tag für Tag, Woche für Woche, jedes einzelne
„Hautbild“ ist gerahmt. Hier – ausgeführt mit der Farbe, die im Krankenhaus benutzt wird –
werden die Marker-Bilder zu Erinnerungsobjekten an die Heilung, nicht überhöht, nicht
kitschig. Sie bekommen hier ihre Abstraktion, weil sie ja auch notwendig sind, um den Krebs
zum Verschwinden zu bringen. Zugleich ist auch eine ästhetische Lesart möglich. Diese
Ambivalenz von Kunstgenuss und biografischer Reflexion bringt die Spannung in dieser
Ausstellung. Sehr emotional wirkt auf mich das Mini-Selbstporträt: „Das Glück darf auch
klein sein“ – wir ahnen, aus welch niederschmetternden Situationen der Erschöpfung, der
Fatigue, der körperlichen Veränderungen, der Schmerzen, der Übelkeit, kleinste Situationen
der Hinwendung, des Genusses, der Freude zu einem Glück werden können. Wie man auch
in größter Not glücklich sein darf und kann. Die Protagonistin tanzt hier – in einem gelben
Kleid. Sonnengelb sind auch die Poster, die jeweils zehn Songs auflisten. „ Music ist the
strategy“ – Freunde und Freundinnen wurden von Claudia eingeladen, jene Musikstücke
aufzulisten, die sie selbst in schweren Lebenssituationen getröstet haben. Claudia Christoffel
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und Sirma Kekeç sind mit Punk Rock und Hardcore Musik aufgewachsen, für sie gehört
Musik zur (Über-)Lebensstrategie. Diese Listen können als eine Versicherung gelesen werden
dahingehend, dass es die Freund*innen und Partner*innen sind, die die Freude am Leben
auflisten, die Sicherheit geben, die mittanzen, die Mitstreiter*innen sind, um das Leben zu
genießen – Lust for Life.
In einer Hommage an Iggy Pop drückt ein weiteres Selbstbild absolute Lebendigkeit aus: Es
ist das Foto, das Claudia Christoffel kurz vor ihrer OP von sich gemacht hat. Es leitet das
Künstlerin-Tagebuch ein, das mit den Farben Schwarz und Pink changiert zwischen dunkler,
ja schwärzester Angst und der beruhigenden Hoffnung.
In beiden Werkzyklen spielen die ästhetische Abstraktion und Distanz eine Rolle. Sirma
Kekekçs Arbeiten sind zudem in Vitrinen untergebracht: Es sind museale Kleinodien, die hier
unter Glas aufgestellt wurden. Die Künstlerin wählte für ihre Bearbeitung der
Extremerfahrung von Schock, Wut, Schmerzen, Ängsten gegenständliche Formen. Auch sie
produziert Erinnerungsstücke an den Kampf gegen den Krebs und den Kampf um
Autonomie. Mit ihrer Bearbeitung von Rindsknochen knüpft sie an ihre früheren Arbeiten
des Tiefdrucks an: Schön polierte Knochenstücke hat sie mit der Hand, einer Nadel und
mithilfe einer optischen Vergrößerungslampe sehr fein beritzt. Das ist wahrlich
Knochenarbeit. Diese Werke zeigen die Wunde bzw. die Erinnerung an die Wunde in
Anlehnung an eine andere Markierung: das Tattoo. Die Operationen, die chemischen
Einwirkungen, das sind Eingriffe in den Körper, die lange nachhallen, die sich einschreiben,
einritzen. Sirma Kekeç hat auch schon früher zu und mit Tattoos gearbeitet: sie ist fasziniert
von der See, der Reise, dem Abenteuer, der Außenseiterposition und Aspekten von Freiheit
und Anderssein, die in einem Tattoo zum Ausdruck kommen können. Ein Tattoo ist eine
Körpermodifikation und das ist sie auch beim Heilungsprozess von Brustkrebs. Dienen die
Tattoos auf dem Leib, grob gesagt, zur Identitätskonstruktion, so sind die Objekte von Sirma
Kekeç als Erinnerungsstücke zu interpretieren.
Es ist ein symbolisches Ritzen in diese harte Oberfläche und durch Einlassen von Farbe (wie
beim Tiefdruck) werden sie sichtbar gemacht: die feinen Porträts von Seefahrerinnen,
Piratinnen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, auf der Rückseite namentlich verzeichnet. Sie
sind mit wunderbaren Legenden von Stärke, Kampfesbereitschaft und ja feministischen
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Unabhängigkeitsidealen verknüpft. Dieses Lebensgefühl muss mit einem Kleinod und unter
einer Vitrine geschützt werden, wie in ihr/uns selbst. In abwechselnder Folge porträtierte
Sirma Kekeç verschiedene Kohlsorten: Kohl bindet die so genannten Freien Radikalen, die
krebsfördernd sind und Kohl war fermentiert auch auf Seereisen das wichtigste
Nahrungsmittel, fürs Überleben wichtig. Für mich ist der Kohl ein Symbol für die Sorge um
sich selbst (Michel Foucault), die auf dem Knochen ästhetisch – wie ein Mahner – ins Bild
gehoben ist.
Das Leibphänomen, das in diesen Arbeiten angesprochen wird, finden wir wieder in dem
Scrimshaw dort drüben in der Vitrine: Ein kleines Stück Elfenbein von einem Pottwal hat
Sirma Kekeç in der Tradition der Walfänger des 18. Jahrhunderts graviert. In der stilisierten
Hand werden drei wichtige Symbole festgehalten: der Port (der ehemals im Körper
eingepflanzt war für die rettende Medizin), der Anker für die Sehnsucht nach Heimat, für
Ankommen und Sicherheit, das Herz für die Liebe zur See, zu den Liebsten zu Hause und für
die Liebe zu sich selbst. So wird aus einem kleinen Gegenstand ein großes Hoffnungsmodell.
Dort drüben die kleinen Puppen – es sind 3D-Aufnahmen der Künstlerin – unter einem
Glassturz erinnern mich einerseits an adelige Wachsfiguren, Büstchen, die im 18.
Jahrhundert die Familiengenealogie dokumentieren sollten und andererseits an religiöse
Wachsfiguren, Votivgaben: Im christlichen Glauben waren das symbolische Opfer für eine
Befreiung aus einer Notsituation. Wiederum soll hier etwas Fragiles unter einem Glas
geschützt und für die Erinnerung bewahrt werden: Es handelt sich um die äußeren Zeichen
des Therapieverlaufs – unversehrt, Haarausfall, Perücke. Ganz klein gemacht in eine
Spielpuppengröße lassen sich diese Folgen bekannter Nebenwirkungen konservieren.
Ein neuer Diskurs über die Krankheit Krebs wird in diesem Seh- und Denkraum vermittelt: Es
ist Erinnerungsarbeit (Frigga Haug), die wir hier erleben können. Das, was alle an Brustkrebs
erkrankten Frauen mit der einen oder anderen Therapie individuell erleben, wird hier mit
den jeweils persönlichen Metaphern der Künstlerinnen ästhetisch überführt. Im
Arrangement medizinischer Artefakte, der Bearbeitung von hartem organischem Material,
der Konservierung von Abbildern, der Dokumentation von Strategien auf Plakaten, der
Bemalung von Wänden, der Herstellung von Emblemen, der Verkleinerungen und
Vergrößerungen – werden Bearbeitungen historischer Kontexte und gegenwärtiger
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Tabubrüche zum Thema gemacht ebenso wie Selbstbehauptung und überhaupt
Handlungsfähigkeit angesichts der medizinischen Maschinerie.
Wir sind aber noch nicht am Ende unseres Rundganges angekommen:
Dort, im Foyer, im Raum zwischen den Welten (innen die Ausstellung – außen das Viertel),
konfrontieren die Künstlerinnen uns schließlich damit, dass die Genesung da ist, aber dass da
gleichzeitig die Angst lauert: „rezidiv“- kaum sichtbar hat Claudia Christoffel das Wort in
einer verlaufenden Schrift – eine Horrorfilm-Type – an die Wand gebracht. Wie im
Vorübergehen es einen ergreift.
Sirma Kekeç arbeitet immer noch an ihrem Schachbrett aus roten Kreuzen – das Symbol für
Hilfe und Schutz. Wie bei einem Schachspiel, muss auch die Krebspatientin immer wieder
strategische Entscheidungen vornehmen – das ist ganz und gar herausfordernd und
lebenswichtig und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, wie auch das Kunstwerk noch nicht
zu Ende geführt ist.
In der Vorbereitung zu dieser Einführung habe ich diese beiden Künstlerinnen kennengelernt
als unglaubliche Kämpferinnen, als Piratinnen des Lebens. Ich habe mit Anteilnahme und
Freude jetzt begriffen, dass ein anderer Diskurs über Brustkrebs möglich ist. Dafür danke ich
euch und eurer Kunst. Was eine Ausstellung wie diese kann, ist über den ästhetischen
Genuss hinaus, zur Solidarität aufrufen.
Der DJ hat sich schon eingelaufen – lassen wir diese Solidarität beim gemeinsamen Tanz
spürbar werden. Lust for Life!


Susanne Regener ist Kulturwissenschaftlerin, Professorin für Mediengeschichte/Visuelle
Kultur an der Universität Siegen. Sie ist in Bremen geboren und aufgewachsen und hat an
der Bremer Universität habilitiert. Sie lebt in Berlin.
www.mediengeschichte.uni-siegen.de


Zitierrichtlinie:
Susanne Regener, Lust for Life – Für einen neuen Diskurs über die Krankheit Krebs. Ausstellungseröffnung,
6.10.2018, Galerie Mitte Bremen.


Künstlergruppe BETTINE                     Book Release                                               "PAULA -  Rilkes Requiem für eine Freundin"

Samstag  22. September 2018       18 Uhr

Die fünfköpfige Künstlergruppe BETTINE (Berlin/Essen/Wien) illustriert das Requiem von Rainer Maria Rilke für die Ausnahmekünstlerin Paula Modersohn-Becker.  

 

BETTINE besteht aus den Illustratorinnen Katrin Funcke, Kristina Heldmann und Ute Helmbold, dem Designer Stefan Michaelsen und der Künstlerin Stephanie Guse. Sie kennen sich seit ihrer Studienzeit an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig und treffen sich regelmäßig zu Aufenthalten im Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf oder den Künstlerhäusern Worpswede, um ein gemeinsames Thema zu visualisieren.  Gast in diessem Projekt ist der Berliner Illustrator Soenke Hollstein.

 


Claus Haensel - KOTELETTFRESSER                    Malerei / Zeichnung

8. Juni   bis  5. August 2018


Eröffnung: Freitag, 8. Juni 20 Uhr

Künstlergespräch: Donnerstag 12. Juli 19 Uhr

Finissage: Sonntag 5. August 15 Uhr

 

 

Wir freuen uns in diesem Sommer den Künstler Claus Haensel mit seiner Serie der „KOTELETTFRESSER" vorstellen zu dürfen.

 

Claus Haensel wuchs in Dresden auf. Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste Dresden Malerei, Wandmalerei und Druckgrafik. Haensel arbeitete als Künstler in der DDR, er leitete eine Künstler-Galerie in Schwedt.

1984 übersiedelte Haensel in die BRD. Hier entstand unter dem Eindruck der enormen Konsummöglichkeiten die voluminöse Serie der „Kotelettfresser“. (Ende 1987 bis Anfang 1988)

Diese Arbeiten auf Papier, in spontan experimentellem Gestus, sind ein bildnerischer Umsetzungsversuch seiner Wahrnehmung und Neuorientierung an den gesellschaftlichen Verhältnissen der Bundesrepublik in den achziger Jahren. Haensel setzt sich obsessiv mit diesem wie er es nannte „Konsumschock“ auseinander.

Die Serie der großformatigen Kotelettfresser wird zum ersten Mal ausgestellt. Sie hat inhaltlich nichts an Aussagekraft verloren. Die künstlerischen Mittel wirken kraftvoll und zeitlos.

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog


Fotos: Ele Hermel

 Fotos Eröffnung: Lukas Klose

Weserkurier/Stadtteilkurier

TAZ /Bremen Kultur


KONZERT: von Gabriele Hasler Stimme, Text, Sachen " Täglichkeiten "

 

Mo 30.7.18 bis Fr 3.8.18,       jeweils 12:45 bis 13:15 Uhr

Wann und wie wird aus Sprache Musik? Und wer entscheidet das?
Kann Alltag Kunst sein? Oder umgekehrt? Ist das wichtig?


Mit ihrer Komposition "G.bete365" erforscht Gabriele Hasler den Raum zwischen diversen Polaritäten. Mit dem Schieberegler der Neugier bewegt sie sich zwischen Sprechen und Singen, Komposition und Improvisation, Sinn und Nichtsinn. Worte und Klangerzeuger entstammen ihrem Alltag. 

Ein Listengedicht aus 365 gebeugten Verben bietet das Spielmaterial für prosodisch-musikalische Umdeutungen, für das Entstehen und Erforschen von Sprachmusik. Bedeutung und Assoziationen kommen und gehen, ein Schwebezustand entsteht... die Brache der Muße?  

G.bete365 wurde im Juni 2005 in Bremen uraufgeführt und war im Oktober 2005 auf Einladung des Goethe Instituts im Programm des LEM Festivals, Barcelona. Im März 2006 produzierte Gabriele Hasler die CD „G.bete365“ im Sendesaal von Radio Bremen. Im September 2006 gastierte G.bete365 auf Einladung des Goethe Instituts Madrid beim Festival für Neue Musik im Museo Vostell, Caceres. 


 Eintritt frei, Spenden erbeten
Der Veranstaltungsort ist barrierefrei.


 


VORTRAG von Sarah Hillebrecht :   „ Jenseits von Gut und Böse? Fragen an die Kunst “

 

Do 02.08. 17:30 bis 19 Uhr  

 

Darf Kunst tatsächlich alles und können Kunstschaffende dieses „alles“ verantworten? Brauchen wir ein Instrument der Kunstfolgenabschätzung? Die bremer Künstlerin Sarah Hillebrecht reflektiert in einem Vortrag über die ethische Dimension von Kunst. Im Anschluss ist Zeit für ein Gespräch mit allen diskursfreudigen BesucherInnen.    


 Eintritt frei, Spenden erbeten
Der Veranstaltungsort ist barrierefrei.

 


Konzert in der Ausstellung:

Aladdin Haddad / ORIENT GOES OCCIDENT

9.Juni 20 Uhr

Eintritt frei

Einlass ab19:30